„Don’t be afraid of the obvious.“

Letztens gab es im Heimkino “Der Goldene Kompaß”. Netter, kurzweiliger Streifen (der zum Beispiel hier zusammengefaßt ist). Wahrscheinlich hätte mich der Film aber nicht weiter beschäftigt, wenn ich nicht hinterher das Zusatzmaterial geschaut hätte. Das begann mit einem ausführlichen Interview des Autors Philip Pullman.
Er gab interessante Einblicke in das Schreiben des ersten Kapitels (erst die 16. Version hat funktioniert …) und hat dann auch über die Plotentwicklung gesprochen. Vor allem ging es um den Eisbären Iorek Byrnison und seine Rolle in der Geschichte. Und dann kam, was mich eine Weile geplagt hat:

„Don’t be afraid of the obvious.“

Dieser Satz hänge sogar über seinem Monitor, sagte Pullman, damit er ihn immer beim Schreiben immer sähe.
Ach? Meinte er, man sollte immer das Offensichtliche plotten? Das hat mich doch sehr gewundert. Das Offensichtliche zu schreiben führt gemeinhin zu langweiligen, weil vorhersehbaren Geschichten. Denn auch für den Leser ist ersichtlich, was passieren wird. Natürlich gibt es auch die Fälle, in denen die Wendung in einer Geschichte so abstrus ist, daß man als Leser nicht folgen kann. Wenn eine Wendung nicht vorbereitet ist, zerschießt sie die ganze Story. Da hätte Autor doch besser das Offensichtliche genommen …
Ich kenne (noch) kein Buch von Pullman, aber daß ein Autor, der immerhin an die 20 Bücher geschrieben hat und reichlich Preise gewann, so einen Leitsatz hat … das wollte mir nicht einleuchten.

Nun bin ich kein englischer Muttersprachler und habe nachgeschlagen, zu was sich „obvious“ im Deutschen alles übersetzt: augenfällig, augenscheinlich, deutlich, einleuchtend, ersichtlich, evident, klar, naheliegend, offenbar, offenkundig, offensichtlich, sinnfällig.
Ja, offensichtlich war auch dabei, aber auch einleuchtend, sinnfällig und evident. Und mit dieser zusätzlichen Bedeutung verstand ich endlich, was er wohl gemeint hat: Die Geschichte muß klar und schlüssig sein, sollte so aufgebaut sein, daß sie zu einem einleuchtenden und klaren Ende führt – als Konsequenz dessen, was die Story vorher aufgebaut hat. Und dann nicht ängstlich sein, das Offensichtliche auch benutzen und nicht doch noch abdrehen zu einer vermeintlich tollen überraschenden Wendung.

Nun war ich wieder einigermaßen versöhnt mit Herrn Pullman, auch wenn ich seinen Spruch nicht über meinen Monitor hängen werde.
Da hängt nämlich schon ein anderer …

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