Rache! Storyolympiade 2009/2010 – Jury und Lektorat

Das Buch „Rache!“ der Storyolympiade 2009/2010 ist jetzt im Wurdack-Verlag erschienen, und auf dem BuchmesseCon wurden am Wochenende die Siegerinnen geehrt. Einen schönen Bericht dazu gibt es bei Petra Hartmann zu lesen.
Da jetzt alles in trocknen Tüchern ist, ist es an der Zeit, ein bißchen aus dem Nähkästchen zu plaudern. Wie kommt man dazu, hinter den Kulissen mitzumischen? Wie ist das zugegangen bei der Hauptjury und im Lektorat?

Die meisten meiner Stories sind beim Wurdack-Verlag erschienen , und immer war die Zusammenarbeit mit den verschiedenen Machern der Bücher sehr angenehm, professionell und mit viel Geduld gegenüber einer unerfahrenen Autorin ich es war. Ich wollte etwas von dem zurückzugeben, was ich bekommen hatte, wollte nun selbst ein bißchen helfen. Und, ich muß es zugeben, Neugier spielte auch eine Rolle, wie das bei einem Geschichtenwettbewerb so zugeht. Also habe ich mich freiwillig gemeldet und die Hilfe wurde gerne angenommen.

Hauptjury

So trudelten dann 33 Geschichten in meinem Postfach ein, etwas später als bei den anderen, technische Gründe. Also frisch ans Werk gemacht, ich mußte Zeit aufholen. Aber ich habe nicht mehr als zwei Geschichten am Tag gelesen, jede sollte doch das gleiche Maß an Aufmerksamkeit kriegen. Vieles gefiel mir, manches war richtig gut. Andere Geschichten sprachen gar nicht mit mir. Und in vielen steckte so viel unausgeschöpftes Potential! Das sagt sich von außen immer so leicht. Wie oft hatte ich das Gleiche zu meinen Stories gehört …
Und doch galt es, objektive Kriterien zu finden, um eine Geschichte einzuordnen. Originelle Idee? Flüssig geschrieben? Viele Rechtschreib- oder Grammatikfehler? Unnötige Perspektivwechsel oder Rückblenden?
Jede Story bekam Punkte für Idee und Ausführung (0 bis 10). Als ich alle Stories einmal gelesen und bewertet hatte, mußten die Punkte nach einer recht komplizierten Formel zugeordnet werden, die sichergestellte, daß das ganze Spektrum ausgenutzt wird. Schwierig, denn die Geschichten waren alle sehr unterschiedlich. Das hatte ein bißchen was von „Äpfeln mit Birnen“ vergleichen. Aber am Ende war ich mit der Reihenfolge zufrieden.
Aus den acht Mitgliedern der Hauptjury wurde die Punktzahl aufsummiert – fertig ist das Endergebnis.
Hatten es alle meine Favoriten nach oben geschafft? Nicht alle. Und es befanden sich einige Geschichten im Mittelfeld, die ich nicht so gut bewertet hatte und ein paar lagen ziemlich am Ende, die ich mochte. Da zeigt sich, daß bei aller versuchten Objektivität der Geschmack doch eine Rolle spielt. Wie gut, daß sich das am Ende herausmittelt. Aber mit dem Endergebnis konnte ich gut leben.

Lektorat

Das Lektorat machte ich zusammen mit Tatjana Stöckler und Nadine Muriel. Wir hatten uns recht schnell zusammen mit Felix Woitkowski, der uns koordiniert hat, auf eine Marschrichtung geeinigt. Jede von uns Lektorinnen bekam ein Drittel der Geschichten zugeteilt als Hauptlektorat, doch die jeweils anderen beiden sollten dann noch mal drübergelesen, eine gute Absicherung.
Also wieder losgelegt, voll motiviert. Ein Abend ging dahin, noch einer, und dann ein halber Samstag. „Meine“ Geschichten und die der anderen beiden Lektorinnen.
Irgendwann dachte ich dann: „Bin ich denn bekloppt? Was macht das für Arbeit!“ In der Zeit hätte ich sooo viel selbst schreiben können!
Ich grummelte ein bißchen, aber versprochen ist versprochen. Also schob ich meine eigenen Sachen zur Seite und stürzte mich hinein ins Lektorat. Und endlich stellte sich auch so etwas wie ein System ein, mit dem ich die Stories durcharbeitete:

  1. Logische Fehler, Unklarheiten und Lücken: Zuerst ging es um den Inhalt. Ist die Story schlüssig? Verstehe ich als Leser alles oder muß ich mir Dinge zusammenreimen, die klar sein sollten? Manches Mal sprangen mir Auffälligkeiten in der Figurencharakterisierung ins Auge. Also Kommentar an den Text geschrieben, manchmal auch Vorschläge, wie es besser gehen könnte.
  2. Umsetzung: Wurde die Perspektive der Figur durchgehalten oder springt sie unnötig von Figur zu Figur? Wie nah bin ich als Leser dran? Wird wirklich beschrieben oder nur behauptet? Unterstreicht die Sprache den Inhalt oder habe ich zum Beispiel lange Sätze in einer Actionsequenz? Passen die verwendeten Bilder oder erzeugen sie ein schräges Bild?
  3. Grammatik und Bezüge: Ist die richtige Zeit benutzt worden? Beziehen sich die Sätze auf das richtige Subjekt? Im eigenen Text kriegt man das oft nicht mehr mit, weil man ihn so oft gelesen hat.
  4. Hilfsverben und schwache Verben: Alle Formen von „sein“ und „haben“ kommen dauernd in einem Text vor, doch vieles müßte nicht sein. Hier finden sich auch gerne Textstellen, die komplizierter sind, als sie sein müßten. Zum Beispiel sollte statt „es war ein Dröhnen zu hören“ lieber „es dröhnte“ stehen.
  5. Füllworte: Erstaunlich, wie oft in einem Text „doch“, „noch“, „schon“, „aber“ und „auch“ vorkommen kann. Jedes dieser Worte hat seine Berechtigung, aber auf die Menge kommt es an. Und wenn es sich streichen läßt, ohne daß Information verloren geht – weg damit.
  6. Adjektive: Exzessiver Gebrauch? Ist jedes davon nötig? Dopplungen? Ein sparsamer Gebrauch von Adjektiven erhöht doch sehr die Lesbarkeit eines Textes.
  7. Laut lesen war dann die letzte Prüfung. Hier fallen holprige Sätze und Wortwiederholungen am besten auf.

Und dabei darf man die Geschichte des Autors natürlich nicht umschreiben, nur weil man selbst einen anderen Stil hat … alles gar nicht so einfach. Und über jedes dieser Themen könnte man einen eigenen Artikel schreiben …
Je länger das Lektorat der Geschichten lief, um so dankbarer war ich wieder für das System, daß jede Lektorin jede Geschichte las. Denn nicht nur ein Autor wird betriebsblind beim Schreiben, Lektoren geht es genau so. Wenn man dann zu dritt über einen Text schaut, erhöht das die Qualität ganz gewaltig.
Alles, ich anmerkte, war natürlich als Vorschlag an die Autoren zu verstehen. Ich habe versucht, meine Meinung zu begründen, doch die letzte Entscheidung lag beim Verfasser.
Die Zusammenarbeit mit den Autoren hat mir sehr viel Spaß gemacht. Meist wurden die Vorschläge gut angenommen, manchmal entsponnen sich Diskussionen, aber alles am Text und sehr professionell. Super, so wünscht man sich das!

Fazit

Hauptjury würde ich unbesehen wieder machen … beim Lektorat bin ich etwas zwiespältig. Es war eine tolle Erfahrung, ich habe viel gelernt von meinen Mitlektorinnen und von den Autoren des Buches. Insgesamt kostete es viel mehr Zeit, als ich ursprünglich gedacht hatte. Bei neun Geschichten kommen da eine Menge Stunden zusammen, dazu dann noch das Zweitlektorat der 18 anderen Geschichten. Das ist nichts, das man mal zwischenschieben kann, dafür muß man sich richtig Zeit nehmen. Und davon wird es abhängen, ob ich beim nächsten Mal wieder dabei bin.

Aber ich hoffe es. Denn irgendwie war es doch cool.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Schreiberlei, Veröffentlichung abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s