Lose Enden – Blogsoap

Ich schiebe den Teller weg und lehne mich zurück. Die Crème brûlée war sogar noch besser als am Montag. Ich schaue über die Töpfe auf dem Tisch. „Wieso kannst du das so gut?“
„Kochen?“
Ich nicke.
„Es macht mir einfach Spaß.“ Hendrik lächelt.
„Aber solche Mengen!“
„Es ist noch Platz im Gefrierschrank.“
„Ah, du bist so gut zu mir.“ Ich lächle ihn an. Ja, ist er. Da ist es doch ein kleiner Preis, den Heimlich zu vergessen, oder? Die Story nicht weiter zu verfolgen. Auch wenn die BSEK-Aktion am Donnerstag ein voller Erfolg gewesen ist, gerne denke ich nicht an den Abend zurück. Wie entsetzt Hendrik mich angesehen hat, dass ich Heimlich mit dem Handy unter Druck gesetzt habe. Wie gekränkt ich war, dass er mir zutraute, Henriette die Nummer nicht zu geben.
Ich dränge das aus meinen Gedanken. Es ist erledigt, wir haben das geklärt. Henriette hat die Nummer, soll sie sich doch mit ihrem Vater herumschlagen. Ich werde mich da nicht mehr reinhängen und weitere Streits riskieren. Fertig. Ich müsste eh weiter recherchieren, und dazu habe ich gerade gar keine Lust.
Ich schrecke auf, als Hendrik vor mir steht, meine Jacke in der Hand. Er hat den Tisch schon abgeräumt, ohne dass ich das mitgekriegt habe. Ich stöhne auf. „Müssen wir?“
„Ich gehe auch alleine.“
Eine Runde schlafen hätte doch auch was … doch ich schüttele den Kopf. Schlafen kann ich auch, wenn Hendrik wieder fort ist. Ich lasse mir in die Jacke helfen und schon sind wir draußen. Es ist seltsam, so ganz ohne Fluffy und Dehkah, doch die sind morgens schon abgehauen. Zu Jumpy wahrscheinlich, oder zu Flauschi und Carsten.
Und ich muss zugeben, es ist schön draußen. Kalt, aber kein Wind, die Sonne hinter hohen Wolken. Eine Hand in der Jacke vergraben, die andere wärmt Hendrik. Und Defihausen hat sich inzwischen an unseren Anblick gewöhnt. Irgendwie ist die ganze Stadt auf den Beinen. Lächeln, grüßen, immer wieder.
„Na, wie lange kannst du noch?“, fragt Hendrik lächelnd.
„Was denn?“ Das Laufen kann er ja wohl kaum meinen. Wir sind ja gerade erst losgegangen.
„Dich zurückhalten?“
Erst jetzt merke ich, dass ich immer wieder auf das Gebäude des Irrenhauses gucke.

Abrupt wende ich meinen Blick ab. „Die Sache ist erledigt.“ Ich schließe die Augen, vertraue darauf, dass Hendrik mich schon in die Kurve zieht, wenn sie kommt. Aber die ganze Sache wurmt mich, auch wenn ich versuche, nicht mehr daran zu denken. Ich fühle mich verarscht von Heimlich. Er hat mich kontaktiert, er wollte einen Skandal publik machen. Und jetzt kneift er.
Oder er ist wirklich krank.
Ich kann das jedenfalls nicht vergessen. Ich bin ein Terrier. Wenn ich einmal angebissen habe, lasse ich so schnell nicht mehr los. Und Heimlichs Geschichte ist noch nicht zu Ende.
„Aber das ärgert dich.“
Wieso fängt Hendrik jetzt davon an? Will er mich aufziehen? Ich bleibe stehen, entziehe ihm meine Hand. Auch Hendrik hält an, dreht sich um.
Ich funkele ihn an. „Erst machst du mir die Hölle heiß und kritisierst meine Interviewmethoden, und jetzt stachelt du mich noch an?“
„Hölle?“ Er blinzelt.
Ob er eigentlich weiß, wie niedlich er aussieht, wenn er verwirrt ist? Ich muss an mich halten, um nicht zu lächeln. „Jemandem die Hölle heiß machen bedeutet drauf drängen, etwas zu tun.“
„Ah.“ Er nickt. „Wegen der Telefonnummer an Henriette.“
„Ja, sicher.“ Der Kernpunkt unseres Streits. Kleiner Auseinandersetzung. Was auch immer. „Die Sache ist erledigt. Warum fängst du jetzt davon an?“
„Weil es dir wichtig ist.“ Er nimmt wieder meine Hand, zieht mich weiter. „Ich war nur … erschreckt über diese Seite von dir.“
Ich schnaufe. „Und jetzt nicht mehr?“
„Nein.“ Er zuckt die Achseln. „Irgendwie bist du nicht du selbst, wenn du versuchst, sie zu unterdrücken.“ Jetzt bleibt er stehen und sieht mich an. „Mach das nicht mehr.“
Ich würde ihm am liebsten um den Hals fallen, doch das hebe ich mir für später auf, wenn keiner zuguckt. Ich lächle. „Ich mag dich auch so wie du bist.“
Er grinst, und wir gehen weiter. „Also, was machen wir jetzt mit Heimlich?“
Wir? Also gut. „Theorie 1: Heimlich ist krank und steht unter Medikamenten.“
„Dann ist es eh alles egal, was er sagt. Aber“, Hendrik drückt wieder meine Hand, „warum ist dann seine Zelle nicht abgeschlossen?“
„Also Theorie 2: Der Mann ist nicht verrückt, er versteckt sich wirklich vor wem.“
„Wenn er sich vor diesen Männern im Anzug versteckt, wieso dann ausgerechnet dort, wo sie ein und aus gehen? Und wie kommen die auf den Innenhof?“
Ich nicke. „Und sind das die gleichen, die Tina entführt haben? Oder hängt das nicht zusammen?“
„Italiener im Wald? Schießen? Sehr auffällig.“
„Die Jäger …“, sinniere ich. „Also noch mal mit Tina sprechen, mit Henriette.“
„Mit der Polizei. Und mit dem Klinikchef. Und dem Leiter der Anstalt.“
Ich nicke. Doch noch mal in die Katakomben? „Aber die entscheidende Frag ist: Warum. Warum sind die hinter ihm her? Warum versteckt er sich? Warum hat er mich damals kontaktiert?“
„Und warum hat er dir so einen Mist erzählt am Telefon?“
„Angst.“ Ich sehe zu Hendrik auf. „Chefarzt meint, Heimlich hat Angst. Wird bedroht.“
„Von wem bedroht? Und warum haut er dann da nicht ab?“ Dann stutzt Hendrik. „Wann hast du denn mit Chefarzt über Heimlich gesprochen?“
Meine Ohren werden schon wieder warm. „Äh“, mache ich. „Die Tage irgendwann.“
„Du hast mit ihm über Heimlich gesprochen, obwohl du die Story fallen lassen wolltest?“ Hendrik klingt amüsiert.
„Ergab sich so“, murmele ich.
„Was hat er sonst noch so gesagt?“
„Dass Heimlich unter Drogen stehen könnte.“
„Also müsste man ihn befreien, clean kriegen und dann reden.“
Befreien … „Aber er will da nicht weg, hat er gesagt.“ Ich bleibe stehen, sehe zurück zum Irrenhaus. „Ich muss mit Henriette reden. Vielleicht hat er zu ihr was gesagt? Und ihn dann selbst anrufen.“
„Aber erst später. Wenn Theorie 2 stimmt, kriegt er Schwierigkeiten, wenn man tagsüber das Handy hört.“
„Es summt nur.“ Und doch hat Hendrik recht. Ich seufze auf. „Zu viele lose Enden.“ Es macht mich wahnsinnig.
„Federchen“, sagt Hendrik. „Das hier ist das Leben. Das ist kein Film, wo am Ende alles einen Sinn macht.“
„Das schaffen die in Filmen auch nicht immer.“ Aber eine Erklärung muss es geben. Wahrscheinlich irgendwo zwischen Theorie 1 und 2. Auf einmal kann ich es nicht erwarten, morgen die Recherche wieder aufzunehmen.

Vorher lesen bei Tina Fisch (Hestings Quasselstube), weiterlesen bei EyeIT. Zentrale beim Chefarzt

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5 Antworten zu Lose Enden – Blogsoap

  1. Pingback: Pressemitteilung: Neuorganisation der Städtischen Kliniken von Defihausen « EyeIT

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  3. chefarzt schreibt:

    Schön, dass du die Creme so gut hinbekommen hast. Also die Geschichte mit Heimlich ist derarzt undurchsichtig … bin mal gespannt, ob du da noch was aufdecken kannst.

  4. Hendrik schreibt:

    @Cheffe: Die Creme wurde mit dem kleinen Handdefi sogar noch besser. Allerdings nur mit 350 Joule und dafür etwas länger. Hervorragend!
    Und was Heimlich angeht – da wird sie noch was rauskriegen. Was meinst du, was ich mir den ganzen Abend noch anhören musste? Hier gucken, da anrufen, den fragen … ich bin erstmal geflüchtet 😉 Aber das ist mir lieber als dieser abwesende Blick, den sie sonst seit Donnerstag drauf hatte.

  5. Federkiel schreibt:

    Ein Tag Recherche, und ich bin noch nicht wirklich viel weiter gekommen. Die Sekretärin von Rumbach war heute so komisch, da werde ich wohl mal direkt vorbeigehen. Henriette allerdings ist zu nichts zu gebrauchen. Das Handy funktioniert nicht mehr, und sie hat mich heute bekniet, ihrem Vater ein Ladegerät zukommen zu lassen. Mal sehen …

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