Köder – Blogsoap

„Cairns?“ Ich runzelte die Stirn. „Wieso bist du wieder in Cairns?“ Das erklärte immerhin, warum die Skype-Verbindung plötzlich so gut war, dass wir sogar Bild hatten. Es war ein Schock gewesen, Hendrik nach so langer Zeit wieder zu sehen. Braun gebrannt von der australischen Sonne, die Haare kürzer und heller, und irgendwie hatte er abgenommen, oder sah zumindest trainierter aus als bei seiner Abreise vor zwei Monaten. Den Atem hatte es mir verschlagen, wie gut er aussah. Mindestens 10 Jahre jünger, als er war. Und ich … ich hatte nicht damit gerechnet, ihn überhaupt zu erreichen, und hockte jetzt so verlottert vor der Kamera.
„Wir müssen die Dreharbeiten noch beenden. Hier sind die best conditions und …“
„Wir?“
„Sure, allein geht das doch nicht und …“
Was ging da ab? „Aber der Film ist schon längst fertig, hast du mir erzählt.“
„Was? Australien Cowboy ist in der post production, filming ist abgeschlossen.“ Hendrik lachte, ein wenig keckernd, als hätte er das von Fluffy abgeguckt. „Das ist das next project.“
„Aha“, machte ich nur. Dabei hatte er mir doch versprochen, danach nach Hause zu kommen, wenn er damit diesem bekloppen Cowboyfilm fertig war. Ich presste die Lippen aufeinander.
„Federchen, das ist super. Alle machen mit. The chance of a lifetime! Und da habe ich …“
Alle? „Melinda auch?“
„Sie ist doch die weibliche lead.“
Ich schüttelte den Kopf. Das hatte alles keinen Zweck mehr. Er sprach nicht mal mehr meine Sprache.

Ich brauchte ihn doch nur anzusehen. Was wollte ein Mann wie er in einer Kleinstadt wie Defihausen? Von einer Freundin wie mir mal ganz abgesehen. Ich schloss kurz die Augen. Ich durfte mir nichts vormachen. Er würde nicht mehr zurück kommen. Nicht, wenn er jetzt Film um Film mit dieser Melinda drehte und die an ihm klebte wie Hundedreck an der Schuhsohle.
„Federchen, bist du etwa … jealous? Ah“, macht er und suchte nach dem Wort, grinste dann. „Eifersüchtig?“
„Nein, ich …“ Ich ballte die Hand zur Faust, außerhalb des Sichtbereichs der Kamera.
Er beugte sich näher, und seine Augen strahlten. „You don’t need to be. Melinda ist nur nett, sie hilft mir.“
War mir schon klar, mit was sie ihm half. Doch ehe ich was sagen konnte, sprang die Wohnzimmertür auf und Fluffy kam hereingehoppelt.
„Fluffy“, rief Hendrik aus dem Laptop.
Fluffy kam näher, warf aber nur einen kurzen Blick auf den Schirm. Dann wandte sie sich wieder mir zu, streckte mir eine Vorderpfote entgegen.
Ich runzelte die Stirn. „Was hast du da?“
„Fluffy“, säuselte Hendrik. „Good girl! Guck doch mal her!“
Wir ignorierten Hendrik beide, und ich nahm Fluffys Pfote in meine Hände. Sie hielt etwas Weißes in den Krallen. „Was ist das?“ Ich sah sie scharf an. „Hast du wieder einen dieser Köder gefunden?“
„Köda?“, fragte Hendrik. „Was ist Köda?“
„So ein großes Stück“, sagte ich. Fluffy keckerte. Ich runzelte die Stirn. „Das ist nur ein Teil?“
Sie nickte. Ich nahm ein Taschentuch und machte das Zeug von ihrer Pfote ab. „Du hast doch hoffentlich nichts davon gefressen, oder?“
Sie sah mich pikiert an, doch dann schüttelte sie den Kopf.
„Ist Dehkah noch da?“ Ich hatte die Idee, dass das BSEK nach den Giftstücken suchte, für ziemlich riskant gehalten, aber die Baumis hatten schon etliche Köder gefunden.
Fluffy nickte.
„Was ist Köda?“
Ich hob die Hand, um Hendrik zum Schweigen zu bringen und reinigte weiter Fluffys Pfote, damit sie nicht doch noch zufällig was davon ableckte. „Dehkah bewacht die Stelle?“
Nicken.
„Gut, wenn wir gleich hingehen …“
„Federkiel! What are you doing in Defihausen? Was macht ihr mit unseren Tierchen?“
Unsere? Sieh an … „Sie suchen die Köder.“
„What the heck is Köda?“
Ich sah kurz zu Hendrik. „Gift. Ausgelegtes Gift. Für Tiere. Ein Köder eben.“ Sollte er doch im Wörterbuch nachgucken. „Drei Hunde sind tot, zwei Fledermäuse, ein Süßwasserhai und vier Papageien. Einige andere haben es gerade so überlebt.“
„Was?! Das ist viel zu dangerous! Fluffy du musst …“
„Aus der Ferne“, sagte ich spitz, „kannst du das gar nicht beurteilen, ob das gefährlich ist. Du weißt ja gar nicht, was hier alles passiert.“ Das Klinikum in Gefahr, Flauschi soll ein Denkmal kriegen, der Stadtpark fast abgefackelt, Bleistift als neuer Liebling vom Kuli …
Auf einmal sah Hendrik blasser aus als vorher. „Was auch immer. Ihr dürft nicht …“
Ich schüttelte nur den Kopf. „Wir kommen schon ohne deine Ferndiagnosen klar, Hendrik“, sagte ich ruhig und ließ Fluffy Pfote los. „Ich muss Schluss machen.“
„Federkiel! Du kannst nicht …“
Ich trennte die Verbindung, klappte den Laptop zu, ohne ihn runterzufahren. Fluffy hoppelte schon aus dem Wohnzimmer. Ich schnappte mir meine Jacke und lief hinter ihr her. So fürchterlich nett war das gerade nicht gewesen, aber wenn er sich Sorgen machte um unsere Tierchen … dann lockte ihn das vielleicht nach Hause zurück. Wenn ich es schon nicht konnte. Ich schnaufte. Noch so ein Köda … Ich schüttelte den Kopf und schob Hendrik aus meinen Gedanken.
Ich hastete Fluffy nach, die Straßen in Defihausen ruhig und dunkel. Zu dunkel für meinen Geschmack, doch die Stadt musste Strom sparen. Wir ließen die Rettungswache hinter uns, vorbei auch am Stadtpark und weiter in Richtung Klinikum. Über der stillgelegten Baustelle thronte ein unbeleuchteter Kran. Immer das verfluchte Klinikum! Ich hatte heute erst den ganzen Tag dort verbracht, um die neueste Wendung zu recherchieren. Drei der Sponsoren waren wegen der Bauverzögerungn durch die archäologischen Funde schon abgesprungen und Anna hatte ziemlich zu kämpfen, den Rest zu halten. Aber ihr war heute endlich ein Dreh eingefallen, die Leute bei der Stange zu halten.
Doch ehe wir das Gelände erreichten, bog Fluffy wieder ab und wir kamen zum zweiten, kleineren Stadtpark, gleich hinter dem Kindergarten.
Auf einmal blieb Fluffy wie angewurzelt stehen. Keuchend hielt ich hinter ihr an. „Was ist?“
Dann sah ich es auch. Ein rotbrauner Fellhaufen unter dem Busch. Mein Herz setzte einen Schlag aus. „Dehkah!“
Ich sprang zu ihm, Blut klebte an seinem schlaffen Körper, und der Hinterlauf sah merkwürdig verdreht aus. Vorsichtig legte ich eine Hand an seinen Hals, doch es fiel mir schwer, einen Puls zu finden, weil mein eigenes Herz so hämmerte.
Aber … da! Er lebte!
Ich kramte nach meinem Handy und rief Doktor Wandler an. Sie hatte zwar gerade erst von Hausärztin zu Veterinärmedizin umgeschult, aber besser als nichts. Mein Hals war so eng, dass ich kaum reden konnte, doch sie versprach, gleich zu kommen. Fluffy hockte neben Dehkah, stupste ihn immer wieder an, doch ich zog sie an mich und hielt sie fest. „Nicht“, flüsterte ich. Ich hätte Dehkah zu gerne auf meinen Schoß gehoben, aber ich hatte Angst, ihn zu bewegen, weil er vielleicht noch mehr Knochen gebrochen hatte als nur das Bein. So legte ich nur meine Hand an seinen Kopf und streichelte ihn vorsichtig.
Ich zitterte, hielt mich an Fluffy fest und vergrub meine eisigen Finger in ihrem Fell. Mein Kopf seltsam leer, während ich auf meinen Kater starrte. Wer tat so etwas? Die Köder auslegen war eine Sache, aber die Tiere wirklich anzugreifen …
Fluffy keckerte leise, dann machte sie sich von mir los und hoppelte ins Gebüsch, suchte dort herum. Ich musste mich zwingen aufzusehen. Es waren keine Köder mehr da. Dafür lag dort eine Metallstange. Wer auch immer Dehkah angegriffen hatte, musste alles eingesammelt haben.
Aber eine Frage blieb. Warum?

Hier vorher lesen bei Tina Fisch, Zentrale hier.

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6 Antworten zu Köder – Blogsoap

  1. Pingback: Monsterdoc – Arzt Blog, Medizin Satire » Für eine Handvoll Pillen – Die Blogsoap

  2. chefarzt schreibt:

    Gewalt gegen Tiere? Sicher nur ein Unfall …
    Aber was ist mit Köda-Hendrik bloß los? Der ist schon ziemlich anglizisiert, oder wie sagt man da? Die Sonne tut dem Schweden nicht gut … eindeutig, der sollte mal Tauchen gehen ….

  3. Blua schreibt:

    Oh nein, hoffentlich bekommt Dr. Wandler Dekah wieder gesund! Wer macht den sowas, hilflose Tiere quälen *wütend* Ich werde die nächsten Tage verstärkt auf Skakespeare Acht geben …
    Hendrik scheint mir eine hundertachtzig Grad Wende durchgemacht zu haben. Er war doch immer ein netter Kerl! Sonnenstich?

  4. Federkiel schreibt:

    @Cheffe: Ich glaube da nicht an einen Unfall. Aus Versehen den Kater niedergestreckt und alles eingesammelt? Nein, da steckt was dahinter. Dr Wandler untersucht ihn noch, ich noch ganz von der Rolle …
    Muss noch Hendrik anrufen …Aber ist doch kein Wunder, dass er so spricht, wenn er seit Monaten nur Englisch sabbelt.

  5. Federkiel schreibt:

    @Blua: Keine Ahnung, was mit ihm los ist und ehrlich gesagt, es ist mir auch gleich im Augenblick. Ich werde die Nacht kein Auge zu tun, fürchte ich … Und pass gut auf Shakespeare auf. Ich bin nur froh, dass Fluffy so klug ist, nichts zu fressen, was sie nicht kennt!

  6. Pingback: Was gibt es Neues in Defihausen? | Die Blogsoap – Neues aus Defihausen

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