Wie du mir … – Blogsoap

Das Haus stand wenigstens noch.
Ich blieb auf dem Bürgersteig stehen und betrachtete die Fassade, den Garten. Die Straßenlaterne tauchte alles in ein gespenstisches, gelbes Licht. Ich seufzte auf, nahm meine Tasche hoch und stieß die Gartenpforte auf. Es konnte natürlich immer noch sein, dass drinnen das totale Chaos herrschte. Mir war nicht wohl dabei gewesen, auf Forbildung zu gehen und Fluffy die Verantwortung zu überlassen, für Dehkah zu sorgen. Aber nachdem Flora Hals über Kopf ausgezogen war (ein Mann …), war mir gar nichts anderes übrig geblieben.
Ich schloss die Haustür auf und stapfte ins Haus. Kein Brandgeruch, der Teppich sah auch gut aus. Vielleicht war Fluffy inzwischen doch vernünftig geworden.
„Hallo!“, rief ich. „Ich bin zuhause!“
Stille.

Wo waren die beiden Racker? Ich hatte Fluffy doch aufgetragen, Dehkah noch nicht rauszulassen. Er war noch nicht wieder schnell genug mit seinem gerade verheilten Bein. Ich ließ die Tasche unter die Garderobe fallen und schloss die Tür hinter mir. „Fluffy? Dehkah?“
Der Anrufbeantworter blinkte, vier neue Nachrichten. Ich ignorierte das Gerät und tappte weiter ins Wohnzimmer. Fluffy saß mit dem Rücken zur Tür am Laptop und hatte mich offenbar nicht gehört. Von Dehkah keine Spur.
„Hey“, rief ich, „du bist ja schon internetsüchtig!“
Fluffy zuckte zusammen, ihre Pforte bewegte zügig die Maus und der Bildschirm wurde dunkel. Dann hüpfte sie vom Hocker, war in zwei langen Hopsern bei mir und sprang in meine Arme.
„Hallo meine Kleine.“ Ich kraulte ihre Ohren. „Alles klar hier?“
Sie nickte, blickte dann aber in Richtung Anrufbeantworter.
Ich stöhnte auf. „Was Wichtiges?“
Sie nickte wieder.
„Na gut“, murmelte ich und wir gingen in den Flur zurück. Ich drückte auf die Taste.
„Sonntag, 29. Mai 2011, 18 Uhr 12“, sagte die blecherne Stimme. Dann der Chefarzt: „Hallo Federkiel, ich koche am Dienstag, es kommen ein paar Leute. Hast du Lust dazu zu kommen?“
Ich schüttelte den Kopf. Da hatte er mich gerade verpasst.
„Montag, 30. Mai 2011, 14 Uhr 43.“ Dann Anna: „Federkiel bist du da? Verdammt, jemand hat den Patientenblog gekapert, ich brauche unbedingt deine Hilfe. Das waren bestimmt diese Typen, die GAHL. Und was da im Schloss abgeht! Wir müssen uns da was einfallen lassen! Ruf bitte sofort zurück, wenn du das abhörst. Wo bist du überhaupt?“
Ich rollte mit den Augen. Typisch Anna. Ich hatte ihr doch erzählt, dass ich auf Fortbildung musste. Ich ließ Fluffy runter, sah schnell auf die Uhr. Zu spät, ich würde Anna morgen anrufen, vielleicht mit ihr essen gehen. Ich lächelte.
„Dienstag, 31. Mai 2011, 21 Uhr 33. Keine Nachricht hinterlassen.“
Ich rollte mit den Augen, doch dann fiel mein Blick auf Fluffy. Sie stand ein paar Schritte entfernt, beobachtete mich mit Argusaugen.
„Mittwoch, 01. Juni 2011, 14 Uhr 23.“ Eine Frauenstimme. „Hi Federkiel, schade, dass du nicht beim Chefarzt warst.“
Ich runzelte die Stirn. Tanja?!
„Es war toll, Jack war da, Karl, Herbert, Elena und Hajo. Und …“ Sie zog das Wort in die Länge.
Was? Die ganze Bande vom Everest? Beim Chefarzt? Mein Herz hämmerte auf einmal. Und?
Ein affektiertes Lachen. „Ja, Hendrik war auch da. Ehrlich gesagt war ich etwas überrascht, dass du nicht dabei warst. Ich dachte, ihr wärt … naja. Gott, war das gut, ihn mal wieder zu sehen. Und so braun gebrannt und …“
Ich knallte meine Hand auf die Taste und das Gerät verstummte. Hendrik? Beim Chefarzt? In Defihausen? Ohne mir Bescheid zu sagen? Ich funkelte Fluffy an. „Kein Wort hat er gesagt!“
Sie sah mich an, legte den Kopf schräg.
„Das ist …“ Ich warf die Hände in die Luft. „Das ist … unverschämt!“ Ich blinzelte, meine Augen kribbelten auf einmal. Ich sackte gegen die Wand und saß schließlich vor dem Telefon. „Enttäuschend“, flüsterte ich.
Fluffy kam näher gehoppelt, buckte ihren Kopf gegen meine Hand. Ich seufzte auf und kraulte ihr Ohr. „Da hätte er doch was sagen können“, murmelte ich. „Sauer oder nicht, da hätte er doch …“ Aussprechen, endlich mal. Klare Fronten ziehen. Allein schon wegen der neuen Expedition zum Marianengraben. So konnten wir doch nicht …
Fluffy entzog mir ihr Ohr, sah mich wieder an, schüttelte dann den Kopf.
„Ja, ja, ich weiß. Ich habe damit angefangen, seine Emails nicht mehr zu beantworten.“ Ich seufzte. „Oder bei Skype. Oder die SMS …“ Aber ich war halt sauer auf diese Melinda, das sollte er ruhig merken. Was machte die sich auch an ihn heran. Aber das hatte sich irgendwie verselbständigt. Als ich ihm wieder gemailt hatte, kam von ihm keine Antwort mehr.
Ich sah Fluffy an. „Aber dass er sich dann gar nicht mehr … zwei Monate, Fluffy, zwei Monate nichts gehört von ihm!“ Sonst was hätte ihm passiert sein können in diesem verfluchten Busch. „Und dann taucht er hier ohne Vorwarnung auf und …“
Sie keckerte leise.
„Was? Du hast von ihm gehört?“
Sie nickte.
„Und du hast mir nichts gesagt?“
Sie zuckte die Achseln und sah mich ziemlich selbstgerecht an.
Ich seufzte wieder. „Ja, schon gut, ich habe seine Email an dich nicht lesen wollen.“ Aber das war doch schon Wochen her!
Fluffy stupste noch einmal gegen meine Hand, dann sprang sie über mich hinweg und war gleich darauf zur Tür hinaus.
„Wo willst du hin?“, rief ich ihr nach. Doch sie keckerte nur und war verschwunden.
Ich starrte gegen das dunkle Holz und fragte mich, warum das alles so schief gelaufen war.

Hier vorher lesen bei Anna Johannson, und hier ist die neue Zentrale.

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