Geköpfter Gummibär oder eine Autorin laparoskopiert

Am Wochenende war im nahen Klinikum Tag der offenen Tür. Das Gebäude ist brandneu, in zwei Wochen zieht das ganze Krankenhaus in die neuen Räume. Für Besucher gab es jetzt schon mal die Möglichkeit, sich alles anzusehen, inklusive der OP-Säle, Anästhesie und Intensivmedizin, Nuklearmedizin, der Pathologie und dem Kreißsaal.

Ich bin natürlich stracks in die OP-Abteilung gelaufen, schließlich fiel der Besuch unter das Thema „Recherche“. Zuerst landete ich in der Viszeralchirurgie. Dort hatten sie einen kleinen Kasten aufgebaut, in dem ein paar laparoskopische Instrumente steckten: Kamera, Zange und Schere. Ein junger Mann stand an dem Aufbau, schnippelte unter den wachsamen Augen eines Oberarztes an einem Gummibärchen herum, die in dem Kasten lagen. Als er dem Bären endlich die Beine abgetrennt hatte, wollte ich mich am Kopf des armen Versuchstieres versuchen.


Gar nicht so einfach mit der Orientierung, da die Kamera nur ein 2D-Bild produziert. Schließlich hatte ich das Bärchen gepackt und fing an, loszuschnippeln. Ich habe mindestens 15 Versuche gebraucht, ehe ich den gelben Kameraden enthauptet hatte.
„Nicht schlecht“, meinte der Oberarzt. Auf meine Frage hin, wie schnell er das denn schaffen würde, zuckte er nur die Schultern und meinte: „Mit einem Schnitt.“ Aber dann grinste er und gab zu, dass es eher zwei oder drei wären, weil die Gummimasse so zäh sei.

Vorbei an den künstlichen Kniegelenken und der Wirbelsäulen-Operationssimulation ging ich zur Anästhesie hinüber. Dort stand ein Geräteaufbau wie sie ihn in den OPs haben. Der anästhesistische OA stand daneben, das Pulsoxymeter am eigenen Finger. Kaum begann ich mich mit ihm zu unterhalten, hatte ich das Ding am Finger (Berufskrankheit?). Immerhin eine Sauerstoffsättigung von 98%. Meiner Lunge geht es gut 🙂 Die Frage, ob er einen Defibrillator hier hätte, hat er leider verneint. Ich glaube nicht, dass er verstanden hat, warum ich da grinsen musste.
Dafür hatten sie eine Puppe zum Intubieren. Das Larynoskop war überraschend schwer. Die ersten Probleme hatte ich mit der Gummizunge, so was von störrisch! Ich bin kaum daran vorbei gekommen, und die Stimmlippen habe ich auch nicht gesehen, egal wie sehr ich da gezerrt habe. Alles rosa. Und so hell war das da nicht im Hals. Und wie gut, dass die Puppe auch Gummizähne hatte …

Im nächsten Saal ging es dann an die Plastische Chirurgie – dort habe ich mich natürlich besonders lange herumgetrieben (Handchirurgie fällt unter plastische Chirurgie). Hier bediente der Chefarzt persönlich das Mikroskop. Im OP-Bereich lag ein Hähnchenschenkel, bereit für ein paar Fäden.

Es hatten noch nicht viele Leute versucht, wirklich mal die winzige, gebogene Nadel durch das Fleisch zu schieben, die meisten guckten nur kurz durch das Mikroskop und standen wieder auf. Aber ich musste das natürlich versuchen! Kleine Einweisung, dann ging’s los.

Erstmal hatte ich Probleme, die Nadel überhaupt zu greifen mit der Pinzette, ohne was von dem Hähnchenschenkel mitzunehmen. Und wieder das Problem mit der Orientierung. Allerdings fiel es mir durch das Mikroskop (10fache Vergrößerung) leichter, die Entfernungen einzuschätzen als durch die endoskopische Kamera. Nach zwei Stichen hatte ich raus, wie tief ich gehen musste, damit die Nadel gut durch ging. Gaudi!

Ich hätte ja noch mehr herum genäht, aber plötzlich standen die Leute Schlange, das auch zu versuchen, und ich musste den Platz viel zu schnell wieder räumen. Doch bevor jemand weiter gemacht hat, grinste mich der Chefarzt an und meinte, er müsste doch mal gucken, was ich gemacht hatte.
„Oh“, sagte er dann, „Sie haben über Kreuz genäht.“
Huch? Hatte ich? „Alles Absicht“, sagte ich und grinste auch.
„Sonst kann man das so lassen“, meinte er noch, und dann wurde ich zur Seite gedrängt. Ich musste mich regelrecht wieder vorkämpfen, ehe ich noch einen fotographischen Blick auf mein Werk erhaschen konnte.

Schön fürs Klinikum, schlecht für mich – es war sehr, sehr voll! 15000 Besucher stand am nächsten Tag in der Zeitung. Es war schwierig, mit den Ärzten oder Pflegekräften wirklich zu sprechen, länger als eine Minute. Ein paar Informationen konnte ich aber dann doch für meinen Roman rausziehen. Später, als ich gehen musste, wurde es etwas leerer. Aber wer weiß schon, wie dann das Hühnchen schon ausgesehen hätte 😉

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