Katastrophe auf Guam – MG 11

„Fluffy!“, kreischte ich und rannte los. Sie ruderte noch mit den Pfoten, doch dann verschwand sie hinter der Klippe.
Ich rannte, so schnell ich konnte. Gerade waren da doch noch Leute gewesen, wo waren die hin, verdammt? Ich begann zu keuchen, lief auf die Klippe zu. Plötzlich Schritte hinter mir, dann flitzte etwas Rotbraunes an mir vorbei.
„Was ist los?“ Hendrik hatte mich eingeholt.
„Fluffy“, presste ich heraus, konnte dann aber nicht weiter. Ich bekam keine Luft mehr, und meine Beine brannten.
„Was?“
Ich zeigte nur nach vorne. „Klippe“, keuchte ich, dann musste ich langsamer werden, sonst wäre ich selbst zusammen geklappt. Hendrik spurtete weiter. Ich verfluchte meine Unsportlichkeit, stützte die Hände auf die Knie und rang nach Luft. Schweiß lief über mein Gesicht, und das Shirt klebte an meinem Rücken. Ich hob den Kopf, Dehkah hatte jetzt den Rand der Klippe erreicht. Er lief aufgeregt am Rand entlang, hin und her, den Blick nach unten. Sein Schwanz peitschte.
Ich richtete mich auf, hastete weiter, laufen konnte ich nicht mehr. Hendrik kam zum Rand der Klippe. Er sank auf die Knie, beugte sich vor. „Fluff!“, hörte ich ihn rufen. „Fluffy!“
Ich dachte gar nichts mehr, mein Kopf leergefegt von allen Gedanken. Ich wollte nur noch zu der Klippe, nur noch zu Fluffy. Hendrik krabbelte jetzt über die Kante, Beine zuerst. Mein Magen verkrampfte sich. Also war sie nicht ganz abgestürzt?
Als ich endlich die Kante erreichte, hockte Hendrik bei Fluffy auf einem schmalen Felssims, vielleicht fünf Meter unter mir. Sie lag reglos, ihr Körper seltsam verdreht. „Nein“, flüsterte ich. „Oh, nein.“
„Sie lebt“, rief Hendrik hoch. Vorsichtig schob er seine Hände unter ihren Körper und hob sie hoch. Mir zog sich alles zusammen, weil er vielleicht alles nur noch schlimmer machte, aber wir hatten keine Wahl. Ehe hier draußen ein Notarzt auftauchte …
Ich zitterte vor Angst, als Hendrik mit der leblosen Fluffy über der Schulter die Klippe wieder hoch kletterte. Wenn er jetzt auch … Wie schaffte er das ohne Seil? Doch ich legte mich flach auf den Bauch, streckte ihm die Hände entgegen, und schließlich hatten wir Fluffy sicher oben. Hendrik kam sofort hinterher, und wir liefen wieder los.
Der Weg zum Guam Memorial Hospital kam mir endlos vor. Hendrik saß mit Fluffy hinten im Wagen, er hatte sie in eine Decke eingewickelt. Es kam kein Laut von ihr, und das machte mir mehr Angst, als wenn sie gewimmter hätte. Ich fuhr, ohne auch nur eine Verkehrsregel zu beachten. Als ich endlich an der Notaufnahme hielt, hastete Hendrik mit Fluffy auf dem Arm hinein. Eine Krankenschwester machte Dehkah die Tür vor der Nase zu: „No animals!“
Er fauchte sie an, doch ich drückte mich an ihr vorbei, Hendrik nach. Er hielt den nächstbesten Weißkittel an, einen jungen Arzt. Hendriks Englisch war so viel besser als meins, und ich verstand nicht alles, was er sagte. Doch am Ende warf der Arzt die Hände in die Luft und nickte. Er winkte nach einer Trage, und dann fuhren sie Fluffy davon. Wir stürmten hinterher zum Untersuchungsraum, doch der Arzt machte uns die Tür vor der Nase zu.
Wir spähten durch die Glasscheibe. Mein Hand tastete nach Hendriks, und er hielt sie fest. „How …“ Er brach ab.
„Da waren Leute“, sagte ich leise. „Ein Pärchen. Sie schauten immer hinter ihr her, ich dachte, weil sie nie ein Baumkänguru gesehen hatten.“
„Und dann?“
„Dann habe ich nur noch Fluffys überraschten Schrei gehört. Das Pärchen lief weg.“
„GAHL?“ Seine Stimme klang gepresst.
Ich schwieg. Wer sonst würde ein Baumkänguru über die Klippe stoßen? Es wusste doch sonst keiner, dass sie zum BSEK gehörte. Der Arzt bog jetzt an Fluffys Extremitäten herum, und ich blinzelte gegen die Tränen. Die ganzen gefährlichen Dreharbeiten war nichts passiert. Und jetzt das!
Der Arzt kam schließlich raus. Er lächelte. „It’s not as bad as it looks. The right leg is fractured three times, but it has no internal injuries.”
“She”, platzte ich heraus.
Der Arzt sah mich seltsam an, dann zuckte er die Achseln. „I need to operate.“ Er seufzte. “I hope I’ll find someone to assist me.”
Hendrik bot seine Hilfe an, doch der Arzt winkte ab. „But you need to take it with you after the operation.“
Hendrik nickte, und der Arzt ging davon. Hendrik zog mich in den Wartebereich zurück. Ermattet fiel ich auf einen der Stühle. Ich sackte gegen seine Schulter.
„Ich gehe nicht mit“, sagte Hendrik leise. „Auf die Expedition. Ich bleibe bei Fluffy.“
Mein Magen zog sich zusammen. Ich schluckte. „Dann gehe ich auch nicht.“
„Unsinn. Du und Dehkah, ihr geht. Sie zählen doch auf euch.“
Ich sollte widersprechen, sollte ihm sagen, dass mir meine Familie wichtiger war, und dass ich nicht gehen würde. Ich presste die Lippen aufeinander.
„Federchen, einer reicht, um Fluffy zu pflegen. Du gehst.“
Ich schwieg noch immer. Nur noch ein paar Stunden, dann waren die anderen da, und die große Expedition in den Marianengraben startete.
Hendrik knuffte mich in die Seite. „Ich will mir nicht Fluffys Gejammer anhören, wenn nicht mal einer hinterher einen Augenzeugenbericht abliefern kann.“
Ich lächelte ein wenig und nickte.

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