Geheimauftrag über Defihausen

„Du spinnst.“ Ich legte meinen Löffel neben den Teller.
„Wenn ich es dir doch sage“, versetzte Hendrik. „Ich habe das recherchiert.“
Er und recherchieren. Ich rollte mit den Augen.
„Da stecken mit Sicherheit diese Typen dahinter.“
Traute er sich jetzt nicht mal mehr, den Namen der GAHL auszusprechen? Das war ja fast so wie Er, dessen Name nicht genannt werden darf. Ich wollte schon einen Spruch machen, aber Hendriks Gesichtsausdruck ließ mich inne halten. „Löckchen“, seufzte ich, „du bildest dir da was ein. Das ist total sicher.“
Er schüttelte den Kopf.
„Und der Chefarzt hat den Kontakt hergestellt.“
„Ach“, maulte Hendrik. „Und das soll mich beruhigen?“
Ich sah ihn konsterniert an. „Ja.“
Wieder schüttelte er den Kopf. „Der dreht doch langsam wirklich ab. Hast du dir in letzter Zeit mal sein Haus angesehen?“
Wie könnte ich nicht. Der neue explosionssichere Anstrich war in so grellem Gelb, dass selbst Carsten nicht mehr nach Hause gehen mochte. Nun ja, Flauschi hatte sicher nichts dagegen. Ich zuckte nur die Achseln. Die Farbe war eine Sache, aber das, was neuerdings unter dem Putz steckte, eine ganz andere. Ich zwinkerte. „Das ist alles schon Expeditionsvorbereitung.“
„Noch so ein Wahnsinn“, brummte Hendrik, aber ich gab vor, ihn nicht zu hören. Mein Handy summte, und ich zog es aus der Tasche. SMS: „Ich bin unten am Tower.“
Mein Herz schlug plötzlich viel schneller. Es ging los!
Ich stand auf, nahm meinen Teller und brachte ihn in die Küche. „Ich bin dann mal weg.“
Hendrik griff meine Hand, stand auf und zog mich in seine Arme. „Federkiel“, begann er, stockte dann aber. Dann: „Sei einfach vorsichtig, ja?“
„Es ist doch nur ein Rundflug“, murmelte ich gegen seine Schulter. Offiziell jedenfalls.

Er sagte nichts, drückte mich nur um so fester. Ich machte mich von ihm los, küsste ihn und lief ins Arbeitszimmer. Fluffy sah auf, als ich rein kam. „Verbindung steht?“
Sie nickte.
Ich strubbelte über ihren Kopf, warf einen schnellen Blick in meinen Rucksack. Kamera und die restliche Ausrüstung, die Geheimwaffe, alles parat. Hendrik stand in der Tür, lächelte aber nicht. Langsam ging mir seine Leidensmiene auf den Senkel. Wahrscheinlich ärgerte er sich nur, dass er nicht fliegen durfte. Ich huschte an ihm vorbei. „Bis nachher.“
Ehe er antworten konnte, sprang ich ins Auto und fuhr los. Cheffes Haus am Ende der Straße sah wirklich verboten schrill aus. Ich bog ab, winkte Mutze zu, die im Garten an ihren frisch gepflanzten Kakaopalmen arbeitete. Nur Augenblicke später fuhr ich auf den Flugplatz, stellte den Motor aus.
Ich holte tief Luft. Und wenn Hendrik doch Recht hatte? Wenn die GAHL hinter den ganzen Merkwürdigkeiten steckte, die sich in den letzten Monaten in Defihausen abgespielt hatten? Die ganzen Stromausfälle, der ständige Fluglärm, obwohl man nie ein Flugzeug sah. Die vielen Leute, die nie wieder gekommen waren …
Vielleicht hätte ich mich nicht drauf einlassen sollen. Agentin für den Chefarzt … Wieso machte er das nicht selbst? Aber so gut seine Berühmtheit für Defihausen auch war, in diesem Fall war sie doch eher hinderlich. Wir wollten ja schließlich kein Aufsehen erregen. Wenn wirklich die GAHL dahinter steckte, musste das Anti-Spionagenetz unauffällig ausgebracht werden. Vielleicht konnten wir uns dann dieses Mal unbeobachtet auf die Expedition vorbereiten. Ich hoffte nur, Fluffy wusste, was sie da tat.
Ich schnaufte einmal durch, nahm den Rucksack und stieg aus. Am Tower, hatte es in der SMS gehießen. Zielstrebig ging ich auf das hohe Gebäude zu, auf einmal froh, dass die unterirdische Landebahn nach gut eineinhalb Jahren Bauzeit noch immer nicht fertig war. Das hätte mich jetzt noch nervöser gemacht, als ich ohnehin schon war.
Ein Mann trat auf mich zu, lächelte verschwörerisch. Er war gut getarnt mit Sonnenbrille, weißem Hemd und schwarzer Hose, passte so gut in das Pilotenoutfit, dass er sich hier auf dem Flugplatz frei bewegen konnte, ohne aufzufallen. Wir schüttelten uns die Hände. „Olaf“, sagte er.
Keine Ahnung, ob das sein richtiger Name war. Meinen würde er jedenfalls nicht erfahren, Chefarztkontakt hin oder her. „Petra“, antwortete ich und lächelte zurück.
„Das Wetter gefällt mir nicht“, sagte Olaf und blickte nach Südwesten. Dunkle Wolken hingen am Himmel. Wo kamen die auf einmal her? Ich tat, als teilte ich seine Sorge, wollte mir nicht anmerken lassen, wie wichtig es war, dass wir flogen. Heute.
Wir gingen in den Tower hoch, genau wie Fluffy vorhergesagt hatte. Vorsichtig legte ich meinen Rucksack auf den Tresen, hörte das Fachgeplänkel über Regenwolken und Windböen nur so am Rande. „Darf ich fotografieren?“, fragte ich dazwischen.
Natürlich durfte ich, hantierte in meinem Rucksack. Dann zog ich die Kamera hervor und machte ein paar Alibibilder. Ich grinste verstohlen. Klappte alles ganz wunderbar.
Der Tower hatte nichts gegen den Flug einzuwenden, und Olaf führte mich zu seinem Hubschrauber. Natürlich war er nicht so groß wie die Dinger, die auf dem Flugzeugträger gestanden hatten, den Carlos damals besorgt hatte, aber wir wollten ja auch unauffällig bleiben. Und dafür war er perfekt geeignet. Ein richtiges Schmuckstück!
Nach einem kurzen Check standen wir schon auf der Startbahn. Ich legte meinen Rucksack in den Fußraum, Rückseite nach oben, ganz nach Anweisung. Dann steig ich vorsichtig ein, um bloß nicht dagegen zu treten. „Wir fliegen die Route wie besprochen?“
Olaf nickte, und ehe ich es mich versah, hoben wir schon ab und der Flugplatz blieb hinter uns zurück.
Einen Augenblick lang vergaß ich, warum ich eigentlich hier war, schaute mit offenem Mund hinaus. Sanfte, grüne Hügel zogen unter uns vorbei, Wälder und Seen, Windräder wie Kinderspielzeuge, die Autos bunte Käfer. EKG-Stadt am Horizont. Ich hatte ja keine Ahnung, wie hinreißend das alles von oben aussah!
Olaf sagte etwas, das ich über die Kopfhörer nicht verstand, doch ich nickte trotzdem. Er flog einen großen Bogen um Defihausen, und ich zwang meinen Blick auf die Stadt hinab. Selbst aus der Entfernung leuchtete Chefarzts Haus wie ein Signalfeuer. Ich blinzelte, erinnerte mich an meine Aufgabe und fotografierte, was die Kamera hergab, zoomte heran und machte Übersichtaufnahmen. Alles andere lag eh nicht in meiner Hand.
Ich lächelte die ganze Zeit, doch dann sah ich den Steinbruch. Ich dachte an Paul und seufzte. Auch so einer, der Defihausen für immer verlassen hatte. Da hinten der Wald mit dem verlassenen Bergwerk. Verlassen? Das glaubte nur, wer die Leitstelle des Gott der Affen nicht kannte. Und den Zugang zu den Katakomben. Ich schauderte. Wir flogen über das Tierheim, und der Rucksack zuckte. Ich schielte zu Olaf hin, doch er hatte nichts bemerkt. Glück gehabt.
Der neue Flügel des Klinikums strahlte fast ebenso weiß wie die Kaffeefabrik ein paar Straßen weiter. Hermiones Werk. Die Baustelle der Rettungswache, die zum 111. Mal abgebrannt war. Sah nach einer Feier aus, was da abging. Das riesige Trainingsgelände des BSEK Kindergartens erstreckte sich jetzt bis zum Stadtpark, dahinter gleich die Irrenanstalt. Alles so harmlos von oben.
„Hier muss irgendwo ein anderes Flugzeug sein“, sagte Olaf plötzlich. „Guck mal mit.“
Ich ließ die Kamera sinken, doch mein Herz fing an zu hämmern. Flugzeug? Wo? Ich sah mich um, aber da war nichts! So wie sonst auch immer, Fluglärm, aber nichts zu sehen! Doch dann zeigte Olaf nach rechts unten, und da war tatsächlich eine kleine Propellermaschine. Ich atmete erleichtert aus.
Wir flogen noch eine Schleife und dann kam schon wieder der Flugplatz in Sicht. Ich deckte die letzten Flächen mit meinen Bildern ab, und schon setzte Olaf zur Landung an. Hoffentlich hatte ich alles erwischt, denn davon hing es ab, dass Fluffy die Anti-Spionagekuppel über Defihausen errichten konnte. Wenn dann die Verbindung zu Cheffes Haus stand, dann würde niemand mehr ungesehen nach Defihausen rein oder raus kommen. Endlich unbeobachtet das Training für die Expedition beginnen! Ich hoffte nur, die Zeit hatte gereicht. So schnell war die Stunde rum gegangen.
Olaf parkte den Hubschrauber, lächelte. „Und?“
„Super!“, sagte ich und grinste blöde. Ich konnte einfach nicht anders. Geheimer Auftrag hin oder her, es war einfach toll gewesen, meine Heimatstadt von oben zu sehen. „Große Klasse! Vielen Dank!“
Ich stellte vorsichtig meinen Rucksack ab. Es war riskant, eigentlich durfte es keine Bilder von dieser Aktion geben, aber Hendrik wäre doch ziemlich traurig, wenn er keines bekäme. Ich reichte Olaf die Kamera. „Könntest du …?“
Er nickte, und ich posierte neben dem Hubschrauber. Plötzlich zappelte mein Rucksack und die rotbraune Geheimwache sprang in meinen Arm. „Dehkah“, seufzte ich. Immerhin hatte er die ganze Technik bedient und die Aufzeichnungen gesteuert. Wer konnte es ihm da verübeln, dass er mit aufs Bild wollte?

Die alternative Wirklichkeit findet sich hier.

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3 Antworten zu Geheimauftrag über Defihausen

  1. die Mutze schreibt:

    Uiii da hast du ja wieder einiges Erlebt. Ich will hoffen das wir uns diesmal ganz in Ruhe auf die Expedition vorbereiten können

  2. chefarzt schreibt:

    Na ja, der Anstrich meines Hauses ist zwar nicht schön aber funktionell … du weißt ja, was hier alles passiert ist. Vielen Dank für deinen „Einsatz“. Die Technik müsste jetzt stehen … endlich in Ruhe für Mittelamerika vorbereiten …

  3. Federkiel schreibt:

    @Mutze: Fluffy sagt, sie braucht noch bis morgen, ehe die Verknüpfungen zum Hauptquartier stehen. Aber dann sollten wir in Defihausen unsere Ruhe haben.
    @Cheffe: Ja, Verbindung steht, aber sie muss wohl noch irgendwas initialisieren. Ehrlich gesagt, ich habe das nicht so verstanden 😉

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