Rebecca’s Lessons (3): Schreibübung Kapitel 2

Am Ende jeden Kapitels zeigt Rebecca McClanahan in ihrem Buch „Word paiting“ einige Übungen auf, die den Inhalt festigen sollen (außer beim ersten). Ich fand aber eine Übung aus der Mitte des Kapitels ansprechender („exercise in observation„), also habe ich die gemacht:

Put an object in the middle of a blank table. Set a timer for ten minutes and don’t move until the time is up. During these minutes your only job is to study the object.
When the timer goes off, begin writing a description of the object. Report, what your eyes have seen and your hands have felt.

Es ist mir nicht leicht gefallen, mich zehn Minuten mit einer Avocado zu beschäftigen. Nach fünf Minuten, die mir sehr lang vorkamen, habe ich das erste Mal auf die Uhr geschaut. Aber ich habe durchgehalten. Leider wurde ich dann beim anschließenden Beschreiben gestört, aber das lässt sich nicht immer steuern.
Ein bisschen später dann konnte ich den Text schreiben.

Die Avocado hat eine perfekte Tropfenform, die sich fast nicht ändert, egal aus welcher Perspektive man sie betrachtet. Sie passt gut in meine Handfläche, sie ist kühl und doch fühlt sie sich lebendig an.
Ist sie dunkelgrün? Oder doch dunkellila? Am schmalen Ende glänzen Pickelchen mit einem Rosastich. Die Farbe ändert sich, wenn ich die Frucht im Licht drehe. Der Stiel verzerrt die Symmetrie. Kerben ziehen sich durch die Haut, laufen zusammen in einem hellen Kreis. Grün und gelb, die einzig helle Farbe an der Frucht.

Weich ist die Oberfläche, doch eindrücken kann ich sie nicht, darunter ist das Fleisch fest. Zu hart noch zum Essen. Am dicken Ende ist die Haut glatter, als wäre sie straff gezogen durch das Wachsen. Manchmal ziehen braune Sterne durch das Dunkelgrün, verästeln sich wie ein Spinnennetz. Hier ist die Haut unangenehm trocken, wie abgestorben. Verletzungen auf dem weiten Weg zu mir.
Es überrascht mich, dass die Avocado keinen Geruch verströmt. Nur am hellen Krater kann ich etwas erschnuppern. Grün riecht es, unspezifisch nach geschnittenem Holz. Dabei ist eine Avocado so schmackhaft … wie kann sie da nicht riechen? Als ob sie alles unter der dicken Haut versteckt.

Ich habe beim Abtippen nur zwei, drei Sätze umgestellt, damit die Beschreibung nicht so springt (und hinterher festgestellt, dass das Teil des 3. Kapitels ist). Es fällt mir auf, dass ich fast augenblicklich in die Ich-Perspektive gefallen bin, ich beschreibe meine Handlungen quasi mit, obwohl ich das eigentlich gar nicht vor hatte.
Es schleichen sich Interpretationen und Gedanken ein. Erst als ich die Übung jetzt hier eingetippt habe, fällt mir auf, dass sie im Kapitel „naked eye“ steht. Ich hätte mich also an die Fakten halten sollen, hatte das aber nicht so im Kopf, als ich den Text schrieb. Bin ich zu sehr Geschichtenerzähler geworden, dass ich automatisch von einer neutralen Beschreibung in einen Erzählstil falle, wenn ich nicht darauf achte? Nun ja, es gibt Schlimmeres 😉

Die Avocado ist mittlerweile noch schrumpeliger geworden, und ich schätze, heute ist sie dran 😀

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4 Antworten zu Rebecca’s Lessons (3): Schreibübung Kapitel 2

  1. Siliel schreibt:

    Guten Appetit! 😀
    Ich mag Deine Beschreibung, weil ich mir die Avocado da richtig schön vorstellen konnte und auch vom Satzbau und so ist sie wirklich gelungen. Innerhalb eines Romans wäre sie mir zwar entschieden zu lang, aber für sich ist sie schön.
    Die Übung selber wäre aber nichts für mich. Ich sitze zwar nicht ständig auf glühenden Kohlen, aber ich kann mich schwer zehn Minuten mit einem Ding beschäftigen, ohne gedanklich abzuschweifen…

  2. Petra schreibt:

    @Siliel: Danke 🙂 Ja, mir wäre das auch viel zu lang. Es sei denn, die Avocado hat dann im Verlauf der Geschichte eine besondere Bedeutung (Mordwaffe?). Oder aber die es sind noch mehr Analogien zu ziehen. Ist ein Roman voll von langen Beschreibungen, fange ich an zu springen in den Passagen. Ich mag’s lieber kurz und knackig. 😉

  3. Cathrin Block schreibt:

    Wunderschöne Beschreibung!!!

  4. Petra schreibt:

    @Cathrin: Danke 😀

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