Nachrichten aus der Ferne – Maya12

„Señorita Federkiel?“
„Si?“ Ich musste wohl chinesisch geredet haben, als ich erklärt hatte, dass sie das bekloppte Señorita weglassen sollen.
„Ella tiene algunas noticias.“ Der Mensch hinter dem Tresen lächelte gequält und hielt einen Stapel Papier hoch.
Nachrichten? „Cuánto?“
„Veintidós.“
So viele? Ich schloss kurz die Augen. War vielleicht doch nicht so gut gewesen, Hendrik die letzten Tage zu ignorieren und sich einfach nicht zu melden. Der Hotelier gab mir den Packen, Notizen der Hotelangestellten, die die Nachrichten aufgenommen hatten. Es war sogar ein richtiger Brief dabei, Expressversand von London nach Mexiko Stadt.
„Gracias“, murmelte ich und ging hoch aufs Zimmer. Dehkah war schon da, wie er immer so schnell die Fassade hoch kletterte, hatte ich keine Ahnung. Ich machte die Balkontür auf und ließ ihn ein.
„Wir haben Post“, sagte ich und hob den Stapel an. Doch dann verzog ich das Gesicht, ich hatte wirklich ein schlechtes Gewissen. Und eigentlich war ich gestern schon nicht mehr wütend auf Hendrik gewesen, dazu war die mexikanische Sonne einfach zu herrlich.
Ich öffnete den Brief und las:

Federchen,
ich weiß, du bist sauer, aber ich würde wirklich gerne mit dir reden. Es gibt Neuigkeiten 🙂
Dein Hendrik

Darunter hatte er eine Filmrolle gezeichnet und etwas, das entfernt wie ein Baumkänguru mit Pistole aussah. Ich schüttelte den Kopf. Er sollte lieber beim Filmen bleiben. Ich stellte den Laptop auf den Balkontisch, fest entschlossen, Hendrik mit dem mexikanischen Wetter neidisch zu machen. Wie spät war es jetzt bei ihm? Sechs Stunden drauf, also Abendessen schon vorbei, dann würde er jetzt auf seinem Zimmer sein, oder? Ich loggte mich bei Skype ein und sandte den Ruf raus.
Hendrik nahm sofort ab. Er lächelte breit. „Welche meiner 21 Nachrichten hat ich überzeugt?“
„22“, sagte ich und lächelte. Wenn er mich so ansah, konnte ich gar nicht anders, als auch lächeln. Mein Magen zog sich zusammen, weil ich ihn so vermisste.
„21“, beharrte er, doch dann wischte er mit der Hand durch das Bild und lehnte sich vor. „Sie hat’s geschafft. Fluffy hat sie alle überzeugt.“
Dass sie das konnte, war doch keine Neuigkeit. „Und was ist dabei rausgekommen?“
Hendrik lachte auf. „Trilogy! Sie waren so blown away, dass sie mehrere Filme haben wollen. Endless possibilities!“
„Wow“, sagte ich. „Dann hat ich der Einsatz ja gelohnt. Kommt ihr dann jetzt rüber?“
Er schüttelte den Kopf. „Wir müssen erst die Details besprechen.“ Er zuckte die Achseln. „Zum Wochenende. Vielleicht Freitag.“
Ich seufzte auf. „Aber dann ist die Expedition schon fast vorbei, Löckchen. Willst du dir das wirklich entgehen lassen?“
„Du kannst mich ja auf dem Laufenden halten. Wir kommen, so schnell wir können.“ Er seufzte, und zum ersten Mal sah er wirklich enttäuscht aus, dass er nicht dabei sein konnte. „Wie ist die Stadt?“
Ich war versucht, stickig und viel zu heiß zu sagen, doch ich erzählte ihm dann doch von der Stadtrundfahrt, vom Schloss Chapultepec und dem Zócalo, so groß und doch zu voll, dem Wassergarten von Xochimilco und meinem Einkaufsbummel. „Und Dehkah hat mich vor einem riesigen Hund verteidigt, das hättest du sehen sollen!“
Wieder seufzte er. „Hätte ich gerne, Federchen.“
„Dann sieh zu, dass ihr da fertig werdet und kommt her.“ Ich lächelte. „Aber Teotihuacán morgen werdet ihr auf jeden Fall verpassen.“
Hendrik stöhnte auf. Es war seine Idee gewesen, einen Ausflug dahin zu machen. Doch dann lächelte er tapfer. „Mach gute Bilder, ja? Und erzähl mir davon.“
Plötzlich sah er so traurig aus, dass ich einfach nur nickte. „Mache ich.“
„Und einen guten Start morgen. Grüß alle und seid vorsichtig!“
Ich bedankte mich schnell und legte dann auf, ehe er mich noch mit seiner Trübsal ansteckte. Dann griff ich nach dem Stapel Briefe und blätterte die Nachrichten durch. „Hah“, machte ich leise. Hendrik hatte Recht gehabt. 21 Nachrichten von ihm. Und eine vom Spezialanalyselabor in Defihausen. Ich zog die Augenbrauen zusammen. Aber warum hatten sie die Ergebnisse nicht per Mail geschickt?

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